Kunstsammlungen Chemnitz beschließen den Erwerb der Sammlung Prof. Karl Clauss Dietel

Die Stiftung Industrie- und Alltagskultur konnte im Kontakt mit der Oberbürgermeisterin in Chemnitz die Übernahme der Sammlung Dietel aktiv unterstützen. So schreibt Karl Clauss Dietel am 27.12.: “… großen dank … der STIFTUNG für die unterstützung durch euren brief an unsere OB wegen überlassung meiner sammlung. das hat nun endlich ein gutes ende gefunden, kurz vor weihnachten unterschrieb ich den vertrag dazu bei den kunstsammlungen….”

Aus der Begründung des Kulturauschusses Chemnitz vom 26.9.2019, sinngemäß wiedergegeben:
Prof. Karl Clauss Dietel gehört zu den bekanntesten und wichtigsten deutschen Formgestaltern. Er entwarf beliebte und heiß begehrte DDR-Klassiker, wie die SIMSON MOCKICKS S 50/51 und den SIMSON-ROLLER SR50 zusammen mit Lutz Rudolph. Dietel entwickelte den GRUNDENTWURF für den WARTBURG 353 und mit Lutz Rudolph die INNENGESTALTUNG. Für die Sachsenring Automobilwerke Zwickau/Automobilwerk Eisenach gestalteten Dietel und Rudolph sieben TRABANT-NACHFOLGEENTWÜRFE. Auch ihre HELIRADIO-Rundfunkgeräte sind heute zu Design-Klassikern avanciert. Auf Karl Clauss Dietel gehen sämtliche Entwürfe der ERIKA-SCHREIBMASCHINEN zurück. Als führender Formgestalter erhielt Dietel 2014 den Bundesdesignpreis für sein Lebenswerk. Dietel habe, so die Jury, die ostdeutsche Designentwicklung bis zur Jahrtausendwende maßgeblich mitgeprägt.

Dietel nahm an zahlreichen (inter)nationalen Ausstellungen teil und wurde mit vielen Preisen und Ehrungen bedacht. Der Hauptteil seiner freien künstlerischen Arbeiten findet sich in Chemnitz im öffentlichen Raum, u.a. vor dem Sächsischen Industriemuseum, in der Oper, am Grab von Marianne Brandt und am Haus des Schriftstellers Stefan Heym, um nur einige Standorte zu nennen. Seine Designklassiker sind in bedeutenden Museen deutschlandweit vertreten, wie der Pinakothek der Moderne in München, dem Haus der Geschichte in Bonn, dem Kunstgewerbemuseum Dresden, dem Grassi Museum für Angewandte Kunst in Leipzig, der Sammlung für Industrielle Gestaltung Berlin oder dem Museum August Kestner in Hannover.   

Die Kunstsammlungen Chemnitz sichern mit dem Erwerb die außerordentliche Sammlung Dietel als herausragendes Konvolut der Designgeschichte für die Stadt und die Region. Mit der Übernahme verbindet sich das Ziel, neben den Prototypen und Modellen insbesondere auch das zeichnerische Œuvre zusammen mit dem Gestalter zu dokumentieren. Karl Clauss Dietel, der am 10. Oktober 2019 seinen 85. Geburtstag beging, ist vital daran interessiert, seine Sammlung in »gute Hände« und »kommentiert” zu übergeben.  Für die Kunstsammlungen Chemnitz und das Sächsische Industriemuseum wird mit dem kommentierten Erwerb der Sammlungsbestand im Bereich Design und industrielle Formgestaltung der DDR und darüber hinaus entschieden und profilbildend gestärkt.  
Die Sammlung Dietel soll in den Museen der Stadt Chemnitz dauerhaft präsentiert werden sowie für (inter-)nationale Ausstellungsvorhaben und Forschungen zur Verfügung stehen.

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25.11.2013

Am 16. November 2013 eröffnete die Stiftung Haus der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland die Dauerausstellung Alltag in der DDR in der Berliner Kulturbrauerei. Wir, die Stiftung Industrie- und Alltagskultur, nimmt hiermit zu Ort und Inhalt der Ausstellung wie folgt Stellung:

Ein offener Missbrauch des Gebäudes und der Sammlung industrielle Gestaltung

Am 15. November 2013 hat die Stiftung Haus der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland in Bonn (HdG) in Berlin das Museum auf der Kulturbrauerei mit der Ausstellung „Alltag in der DDR“ neu eröffnet. Freilich wird dabei unterschlagen, dass hier seit Ende 1993 die Sammlung industrielle Gestaltung residierte, zahlreiche Ausstellungen und Veranstaltungen durchführte und Schritt für Schritt das Gebäude sanierte.

Das Gründungsdokument dieser in Deutschland einzigartigen Objektsammlung zur Designgeschichte von SBZ und DDR (einschließlich einer Designfotothek und der fachwissenschaftlichen Bibliothek) schrieb 1950 der niederländische Architekt, Formgestalter und Bauhäusler Mart Stam – damals Direktor der „Hochschule für angewandte Kunst“ in Berlin-Weißensee. Über alle Anfeindungen und Widrigkeiten im politischen System der DDR hinweg ist die „Mustersammlung hervorragender deutscher Industrieerzeugnisse“ schließlich im Amt für industrielle Formgestaltung (AiF) auf- und ausgebaut worden. 1990 wurde das AiF und somit auch die Sammlung industrielle Gestaltung vom Bundeswirtschaftsministerium abgewickelt; die gesamten Bestände der Sammlung einschließlich Bibliothek und Fotothek sollten dem Rat für Formgebung in Frankfurt/a.M. übertragen werden. Andere Institutionen und Museen meldeten ebenfalls Begehrlichkeiten an. Diese Bestrebungen konnten mit Unterstützung der Stiftung Industrie- und Alltagskultur erfolgreich abgewehrt werden und die Rettung der Sammlung industrielle Gestaltung als eigenständiges Museum der Formgestaltung der SBZ und DDR mit Standort Berlin und deren erfolgreiche öffentliche Präsentation in 20 themenbezogenen, fachlich anspruchsvollen Ausstellungen im eigenen Haus (siehe https://www.stiftung-industrie-alltagskultur.de/sammlung-industrielle-gestaltung/ausstellungen/) gesichert werden.

Die Stiftung Industrie- und Alltagskultur als Förderinstitution der Sammlung industrielle Gestaltung gehörte zu den Initiatoren der Gründung der Kulturbrauerei gGmbH. Es gelang der Stiftung, für die Sammlung den gesamten, damals desolaten Nordflügel der alten Brauerei sowie noch bereitzustellende Flächen auf dem Gelände für Depotzwecke mietvertraglich zu sichern, und zwar zu äußerst günstigen, bis Ende 2011 fortgeltenden Mietkonditionen. Zwischen 1993 und 2001 war die Stiftung als Bauherr für alle Rekonstruktionsmaßnahmen und den sukzessiven Ausbau der Museumsräume tätig. Das Museum verfügte 1994 über 200 qm, dann über 500 qm und ab 2001 über 850 qm Ausstellungsfläche.

Seit Übernahme der Gebäude der Sammlung industrielle Gestaltung durch das Haus der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland in Bonn am 1. Juli 2005 wurden in den Räumen der Sammlung keine Ausstellungen mit Beständen der Sammlung mehr gezeigt. Die eigenständige Existenz der Sammlung wurde von nun an fortlaufend sowohl in struktureller Hinsicht als auch gezielt im Bewusstsein der Öffentlichkeit demontiert. 2011 bereits wird auf der Kulturbrauerei die Beschilderung „Sammlung industrielle Gestaltung“ samt Zeichen von Hermann Glöckner entfernt und die personelle Zuordnung von HdG-Mitarbeitern zur Sammlung Industrielle Gestaltung aufgelöst. Der HdG-Präsident Hans Walter Hütter machte in einem Gespräch am 29.4.2011 mit der Stiftung Industrie- und Alltagskultur deutlich, dass die Bedeutung der Kulturbrauerei für das Haus der Geschichte darin bestehe, dass dieser Standort der offizielle Dienstsitz des Hauses der Geschichte in Berlin geworden sei. Die rechtlich gültige Geschlossenheit der Sammlung industrielle Gestaltung wird heute durch das HdG zunehmend aufgelöst, indem beliebige neuen Objekte ohne Bezüge zur industriellen Gestaltung in SBZ und DDR eingegliedert werden, wie z.B. Styropur-Mauer-Installationsteile, die Ausstellungsobjekte des Tränenpalast etc.. Eine schleichende Aufweichung der einzigartigen Sammlungsthematik, die einer Zerstörung gleichkommt!

Die Eröffnung der Dauerausstellung „Alltag in der DDR“ macht jedermann nun den Grad der Liquidierung der Sammlung sichtbar: Der kritische Vorab-Artikel der Berliner Zeitung zur Ausstellung „Die Ideologie im Stapelgeschirr“ von Birgit Walter vom 28.10.2013 bewirkte, dass zur Eröffnung der Ausstellung hier deshalb in einer einzelnen Vitrine einige gestaltete Erzeugnisse der DDR auf alten Transportkisten drapiert zu sehen sind, mit denen nun die historisch falsche Sicht verbreitet wird, dass diese Industrieprodukte ausschließlich für den Export bestimmt und nicht für den heimischen Gebrauch verfügbar waren!

Die Ausstellung „Alltag in der DDR“ soll die Auflage des Gedenkstättenkonzeptes vom 19.6.2008 umsetzen, wofür die Bundesregierung erhebliche Fördermittel bereitstellte. Das Gedenkstättenkonzept schrieb fest, dass eine „Dauerausstellung der Sammlung Industrielle Gestaltung in der Kulturbrauerei am Prenzlauer Berg, die die Geschichte der Produkt- und Alltagskultur in der DDR nachzeichnet“, auszurichten ist.
Die Dauerausstellung des HdG zum Alltag in der DDR ist aber weder eine Ausstellung der Sammlung industrielle Gestaltung, noch der Geschichte der Produkt- und Alltagskultur in der DDR. Mit unverhohlenem Zynismus hat der Bonner Abteilungsleiter für Berlin Mike Lukasch in seiner Aussage zur Ausstellung, es gäbe „keinen diktaturfreien Raum“ jeden fachlichen Anspruch im Hinblick auf die „Sammlung industrielle Gestaltung“ abgewiesen. Durch dieses selbstherrliche Vorgehen wird das einzigartige Konvolut der Sammlung industrielle Gestaltung vernichtet, das Gedenkstättenkonzept der Bundesrepublik umgangen und die denkmalgerecht mit Bundesmitteln rekonstruierten Ausstellungsräume der alten sehenswürdigen Brauerei-Industriearchitektur durch eine mit Ausstellungsstücken heillos überfrachtete Ausstellung vergewaltigt.

Eine kritische Auseinandersetzung in den Medien hat begonnen.

Ihre Meinung ist gefragt zur Sammlung industrielle Gestaltung, zur Ausstellung „Alltag in der DDR“, zum Umgang mit den Sammlungsgegenständen! Die Teilnahme von Gestaltern und allen interessierten Menschen am Diskurs will die Stiftung Industrie- und Alltagskultur auf ihrer Internet-Plattform www.stiftung-industrie-alltagskultur.de ermöglichen.
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